38 Grad? Für den Körper ist das Fieber.


Als Ärztin habe ich einen etwas anderen Blick auf die aktuelle Hitzewelle. Erst recht als ehemalige Notärztin.

Ich erinnere mich noch gut – und ehrlich gesagt nicht besonders gern – an frühere Hitzewellen, in denen ich gemeinsam mit meinen Kollegen vom Rettungsdienst unterwegs war. Die Anfahrt im klimatisierten Fahrzeug war noch angenehm. Doch sobald sich die Türen öffneten, traf uns die Hitze wie eine Wand.


Voll behangen mit dem schweren EKG-Gerät, mehreren Notfallkoffern oder später den ebenso unhandlichen Notfallrucksäcken, dazu in voller Schutzkleidung, ging es dann manchmal quer über ein Feld oder zu Fuß in den fünften Stock eines Hauses. Schon unter normalen Bedingungen ist das körperlich anstrengend. Bei Temperaturen weit über 30 Grad wird daraus eine echte Belastungsprobe.


Eine Situation werde ich nie vergessen: Wir mussten bei 38 Grad in der prallen Sonne auf einem Parkplatz einen Menschen reanimieren. Eine Wiederbelebung ist ohnehin eine der anstrengendsten Tätigkeiten in der Notfallmedizin. Man schwitzt, man arbeitet unter höchster Konzentration und oft am Rand der eigenen körperlichen Belastbarkeit. Da wir mit dem Notarzteinsatzfahrzeug die Ersten am Einsatzort waren und der klimatisierte Rettungswagen noch unterwegs war, gab es nicht einmal die Möglichkeit, den Patienten schnell in eine kühlere, technisch besser ausgestattete Umgebung zu bringen.


Generell hat der Rettungsdienst während einer Hitzewelle deutlich mehr zu tun als sonst. Vor allem ältere oder chronisch kranke Menschen geraten an ihre Grenzen. Notaufnehmen füllen sich mit Patienten, die unter Hitzeerschöpfung, Kreislaufzusammenbrüchen oder Flüssigkeitsmangel leiden. Menschen kollabieren auf Baustellen oder beim Sport, andere bekommen Kreislaufprobleme im Stau oder in überhitzten Wohnungen. Manche Medikamente, beispielsweise Entwässerungstabletten oder bestimmte Blutdruckmedikamente, erhöhen das Risiko zusätzlich.

Hitze ist kein bloßes Sommerphänomen. Für viele Menschen ist sie ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko.


Und genau deshalb bin ich als Psychotherapeutin immer wieder etwas überrascht von der Art, wie über Hitzewellen berichtet wird. Einerseits wird im Text des Sprechers oder der Sprecherin dann völlig zu Recht vor den gesundheitlichen Gefahren gewarnt. Aber gleichzeitig zeigt die Kamera etwas ganz anderes: Bilder von fröhlichen Menschen am Badesee, beim Eisessen oder beim Sonnenbaden. Meist wird dann zum Abschluß noch eiin Passant interviewt, der sagt: „Ist eben Sommer. Ich finde es toll.“ Und ja – das sei jedem von Herzen gegönnt.


Psychologisch ergibt diese Kombination aber wenig Sinn. Denn unser Gehirn glaubt meist eher dem, was es sieht, als dem, was es hört. Wenn ich zu Bildern von glücklichen, entspannten Menschen gleichzeitig höre, dass eine Situation gefährlich ist, bleibt vor allem die Botschaft der Bilder hängen: Alles ist schön, alles ist harmlos.


In der Psychologie nennt man das Framing. Informationen werden immer durch den Rahmen beeinflusst, in dem sie präsentiert werden. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich von einem „zu 90 Prozent sicheren Medikament“ spreche, wirkt das völlig anders, als wenn ich sage, dass es „bei jedem zehnten Patienten schwere Nebenwirkungen“ verursacht – obwohl beide Aussagen mathematisch exakt dasselbe bedeuten.

Bilder schaffen ebenfalls einen Rahmen. Und dieser Rahmen beeinflusst, wie ernst wir eine Gefahr nehmen.


Deshalb möchte ich als Ärztin zu Temperaturen von annähernd 40 Grad vor allem eines sagen: Wenn du jung, gesund und ein Sommermensch bist, dann genieße das schöne Wetter. Wirklich. Ich gönne es jedem.

Aber bitte vergesst dabei diejenigen nicht, für die diese Tage eine enorme Belastung sind. Denkt an ältere Menschen und chronisch Kranke. Denkt an die ganz Kleinen, die sich noch nicht selbst vor der Hitze schützen können. Denkt an das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altenheimen, die häufig ohne Klimaanlage unter schweren Bedingungen arbeiten. Denkt an die Menschen, die bei diesen Temperaturen draußen körperlich arbeiten müssen – auf Baustellen, in der Landwirtschaft oder bei der Müllabfuhr. Auch für gesunde Menschen können 39 Grad gefährlich werden.


Und zeigt vielleicht auch ein wenig Menschlichkeit gegenüber den Tieren. Ein Schälchen Wasser im Garten oder auf dem Balkon ist eine kleine Geste. Für einen Vogel, ein Eichhörnchen oder einen Igel kann sie in diesen Tagen jedoch alles bedeuten, wenn die üblichen Wasserstellen ausgetrocknet oder verdunstet sind.


Passt also gut auf euch selbst auf. Aber schaut in diesen heißen Tagen auch ein wenig nach den anderen.

Denn eine Gesellschaft zeigt sich nicht daran, wie gut die Starken durch eine Hitzewelle kommen, sondern daran, wie gut sie auf die Schwächeren aufpasst.


#Hitzewelle

#Sommer