Ein neues berufliches Kapitel - und eine Heimkehr


Als ich vor wenigen Jahren die Notfallmedizin verließ und mich ganz der Psychotherapie widmete, hätte ich nicht gedacht, dass ich so schnell doch wieder in die somatische Medizin zurückkehren würde. Und nun werde ich ab dem 1. August (zusätzlich zu meiner Psychotherapiepraxis, die ich nur etwas reduziert weiterführe) eine halbe Stelle als Palliativärztin in der SAPV (ambulantes und stationäres Hospiz) Rockenhausen beginnen. Ich freue mich total darauf. Und eigentlich ist dieser Schritt gar nicht so überraschend, wie er vielleicht auf den ersten Blick erscheint.

In den letzten Jahren haben sich meine psychotherapeutischen Schwerpunkte immer mehr in Richtung existenzieller Krisen, Trauer, Sterben und Sinnfragen entwickelt. Mein Buch „Innere Länder der Endlichkeit“ entstand genau aus dieser Beschäftigung mit den inneren Landschaften, die sich auftun, wenn Krankheit, Abschied und die eigene Endlichkeit plötzlich ins Leben einbrechen. Mich haben schon immer die Momente interessiert, in denen die bisherige Landkarte eines Menschen nicht mehr trägt. Die Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die Situationen, in denen Menschen plötzlich gezwungen sind, ihr Leben neu zu ordnen. Und genau dort begegnen sich Psychotherapie und Palliativmedizin auf eine ganz besondere Weise.

Gleichzeitig freue ich mich auch ganz persönlich darauf, nach den letzten Jahren reiner Psychotherapie auch wieder als Ärztin im somatischen Bereich tätig zu sein. Ich habe die Medizin immer geliebt. Ich habe meine langjährige Arbeit als Notärztin im Rettungsdienst geliebt. Die Gespräche mit schwerkranken Menschen und ihren Angehörigen, die Zusammenarbeit im Team. Ich habe all das vermisst — und werde es nun in der Palliativmedizin wiederfinden. Darauf freue ich mich sehr.

Doch auch der Betriebswirt in mir (dass ich ein abgeschlossenes Betriebswirtschaftsstudium vor der Medizin gemacht habe, wissen wohl die wenigsten) möchte gerne noch etwas ergänzen, denn in den letzten Monaten wurde leider auch immer klarer, wie wichtig ein zweites Standbein gerade wird, um meine Psychotherapiepraxis sogar als Privatpraxis überhaupt noch sicher finanzieren zu können.

Und nicht nur ich blicke derzeit mit großer Sorge auf die aktuelle Gesundheitspolitik. Die jüngsten gesetzlichen Veränderungen im Bereich der ambulanten Psychotherapie erfüllen mich ehrlich gesagt mit erheblicher Besorgnis.

Die überraschende Honorarkürzung für die Kassentherapeuten zum 1.4. diesen Jahres und nun das unfaßbare GKV-Spargesetz haben dazu geführt, dass Kolleginnen und Kollegen mit einem halben Kassensitz (und das sind die meisten) künftig statt bis zu 25 gesetzlich versicherte Patienten pro Woche nur noch 18 behandeln dürfen (außer natürlich kostenlos…) und dadurch nun zunehmend gezwungen sind, um Privatpatienten zu werben, um ihre Patientenzahl aufzufüllen und ihre Praxen wirtschaftlich überhaupt aufrechterhalten zu können. Diese Entwicklung spüre ich inzwischen auch in meiner eigenen Privatpraxis deutlich. Die Situation hat sich in relativ kurzer Zeit erheblich verändert. Und ich fürchte, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Monaten und Jahren noch weiter massiv verschärfen wird, weil es immer schwieriger werden dürfte, eine Psychotherapiepraxis zu führen, ohne dass die sich schlicht und ergreifend nicht mehr trägt.

Das macht mich traurig. Und es macht mich auch wütend. Nicht nur aus persönlicher Sicht, sondern vor allem deshalb, weil psychische Erkrankungen gleichzeitig immer weiter zunehmen und das Leid, das von oben beschlossen wird, wieder einmal nur wir Ärzte bzw. in diesem Fall ja auch die psychologischen Kollegen Tag für Tag miterleben.

Psychotherapie ist kein Luxus. Sie ist ein zentraler Bestandteil medizinischer Versorgung. Zu sehen, wie dieser Bereich zunehmend unter ökonomischen Druck gerät, und sich nun viele Therapeuten gezwungenermaßen auch umorientieren werden (müssen!), erfüllt mich mit großer Sorge.

Dass ich mich damals bewusst für eine Privatpraxis entschieden habe, hatte übrigens einen Grund: ich brauchte ausreichend zeitliche Flexibilität, die eine Kassenpraxis leider nicht bietet. Mit einem halben Kassensitz hätte ich 25 gesetzlich versicherte Patienten pro Woche behandeln dürfen und 18 Patienten pro Woche behandeln müssen, was etwa 30 Stunden Wochenarbeitszeit entspricht (bitte nicht denken, 18 Patienten entsprächen 18 Wochenarbeitsstunden…!). Dieses starre Kontingent konnte ich jedoch nicht leisten. Und nein, Herr Merz, es ging mir keinesfalls um Work-Life-Balance, und ich denke auch nicht dass ich faul bin, denn meine Wochenarbeitszeit beträgt seit jeher um die 50-60 Stunden! Ich habe es einfach immer geliebt, mehrere berufliche Welten miteinander zu verbinden, mehrere Standbeine zu haben und etwas zu bewegen.

Viele Jahre waren das die Psychotherapie und die Notfallmedizin. In den letzten Jahren kamen zunehmend meine Bücher hinzu. Denn Bücher haben etwas Wunderschönes: Sie ermöglichen es, Menschen zu erreichen, die man niemals persönlich kennenlernen wird. Sie erlauben es, Wissen, Erfahrungen und Gedanken nicht nur mit einigen wenigen Patientinnen und Patienten zu teilen, sondern mit vielen Menschen gleichzeitig.

Und nun kommt mit der Palliativmedizin ein weiteres, mir gut bekanntes Standbein hinzu (die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin habe ich schon 2013 gemacht). Ich hatte auch schon seit längerer Zeit geplant, „irgendwann“ auch wieder in diesem Bereich tätig zu werden. Dass sich diese Möglichkeit nun genau jetzt ergibt, empfinde ich als großes Geschenk. 

Ich habe das Glück, in mehreren Bereichen arbeiten zu dürfen, in denen ich gebraucht werde und etwas bewegen kann. Und dafür bin ich sehr dankbar.