„Wie lange trauern ist normal?“

Das ist eine der häufigsten Fragen, die mir in meiner Arbeit als Psychotherapeutin gestellt werden. Manchmal von Trauernden selbst. Manchmal von Angehörigen. Und meistens schwingt in dieser Frage eine große Verunsicherung mit: 


„Müsste es nicht langsam besser werden?“

„Warum denke ich nach einem Jahr immer noch täglich daran?“

„Alle anderen in der Trauergruppe scheinen längst weiter zu sein.“

„Ist es normal, dass ich immer noch weine?“


Oder umgekehrt:

„Ist es normal, dass ich schon nach wenigen Wochen wieder lachen kann?“

„Warum kann ich nicht richtig weinen?“

„Bin ich überhaupt traurig genug, müßte das nicht noch viel schlimmer sein?“


Hinter all diesen Fragen verbirgt sich oft eine noch tiefere Sorge:


Trauere ich überhaupt richtig?


Diese Sorge ist verständlich. Denn Trauer gehört zu den wenigen großen Lebenserfahrungen, auf die uns niemand wirklich vorbereitet.

Die meisten Menschen haben keine Vorstellung davon, wie Trauer tatsächlich aussieht. Stattdessen existieren viele Mythen: Dass Trauer in genau abgrenzbaren Phasen passiert. Dass sie nach einigen Monaten oder allerallerspätestens nach einem Jahr abgeschlossen sein sollte. Dass man „loslassen“ müsse. Dass irgendwann ein Zeitpunkt kommt, an dem alles wieder so wird wie vorher. 


In Wirklichkeit verläuft Trauer jedoch höchst unterschiedlich. Es gibt Menschen, die nach wenigen Monaten wieder erstaunlich stabil sind. Und es gibt Menschen, die Jahre später noch von einer Welle der Traurigkeit überrascht werden können. Beides kann völlig normal sein. Denn Trauer ist keine Krankheit. Sie ist auch kein Projekt mit festem Enddatum. 


Trauer ist die psychische Antwort auf einen bedeutsamen Verlust. Und bedeutsame Verluste verschwinden nicht einfach. Sie werden vielmehr nach und nach in das eigene Leben integriert. Und wie ein Mensch trauert, in welchen inneren Ländern er sich dabei besonders oft aufhält, hängt auch von seiner Persönlichkeit ab. 


Die ersten Wochen fühlen sich bei vielen Menschen z.B. oft an wie ein Sturm — im Land der Verzweiflung, im Land der Schuld oder im Land der Klage. 

Andere reagieren eher wie betäubt im Eisfach — im Land der Erstarrung, im Land der Betäubung, oder im Land der Erschöpfung. 

Oder es sieht nach außen hin alles sehr gefaßt und pragmatisch aus — im Land des Funktionierens, im Land der Verdrängung oder im Land der Kontrolle.

Und viele Menschen reisen in diesen inneren Ländern sehr aktiv herum — da ist man morgens im Land der Leere, mittags reist man ins Land der Gereiztheit und die Nacht verbringt man im Land der Sehnsucht.


Mit der Zeit kommen andere Länder hinzu:

Das Land der Erinnerung.

Das Land der Verbundenheit.

Das Land der Sinnsuche.

Das Land des neuen Lebens.


Die Trauer verschwindet dabei nicht unbedingt. Aber sie wird Teil einer größeren inneren Landschaft.


Deshalb lautet meine Antwort auf die Frage „Wie lange trauern ist normal?“ meist: So lange, wie die Beziehung bedeutsam war. Nicht in derselben Intensität. Nicht in derselben Form. Aber oft länger, als unsere Gesellschaft erwartet. Und das ist kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Es ist ein Zeichen dafür, dass etwas wichtig war.


Und mein Rat an alle Trauernden lautet ganz klar: Lassen Sie sich bitte nicht einreden, dass Sie „falsch“ trauern, und glauben Sie das selbst bitte keine Sekunde. Menschen können auf dem Kontinent der Trauer in sehr viele Länder reisen, das ist ganz individuell. Und durch welche Länder Sie persönlich auf Ihrer Trauerreise kommen, ist Ihre ganz persönliche Erfahrung — und niemand hat Ihnen da reinzureden.


#Trauer